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Die Wiedergutwerdung der Deutschen

Lesung und Filmvorführung
29. Januar | 20 Uhr | Cineding (Karl-Heine-Straße 83)

Die Wiedergutwerdung der Deutschen. Essays und Polemiken von Eike Geisel

Lesung mit dem Herausgeber Klaus Bittermann

»Some of my best friends are German«, machte sich Eike Geisel (1945-1997) gerne über das antisemitische Stereotyp lustig, demzufolge einige Juden zu den besten Freunden zählen. Geisel war aber nicht nur ein unnachgiebiger Kritiker des deutsch-jüdischen Verbrüderungskitsches und des Recyclings deutscher Vergangenheit, sondern machte als Historiker mit seinen Arbeiten u. a. über den jüdischen Kulturbund und das Berliner Scheunenviertel auf sich aufmerksam. Der 2015 erschienene Band »Die Wiedergutwerdung der Deutschen« versammelt seine großen essayistischen Arbeiten, beispielsweise über den Antisemitismus des »anderen Deutschland« und den Mythos vom Widerstand des 20. Juli. Klaus Bittermann referiert Eike Geisels wichtigste Thesen und ihren Entstehungszusammenhang. Eike Geisel war Soziologe, Buchautor, Journalist, Übersetzer, Kurator, Filmemacher und Historiker. Seine Essays und Polemiken lösten teilweise große Kontroversen aus. Er starb am 6. August 1997.

Klaus Bittermann ist Verleger der Edition Tiamat, in der die politischen Essays von Eike Geisel erschienen sind. Er ist außerdem Buchautor, Journalist und schreibt für die tageszeitung und Tagesspiegel.

Triumph des guten Willens (Dokumentarfilm, 2016, 97 Minuten)

Film und Gespräch mit dem Regisseur Mikko Linnemann

Der vorerst letzte Teil der Filmreihe »Wie erinnern?« setzt sich mit den Texten des Publizisten Eike Geisel auseinander. Im Zentrum stehen Geisels Kritiken an der deutschen Erinnerungspolitik und seine These über die »Wiedergutwerdung der Deutschen«. Geisels Texte aus den 1990er Jahren unter anderem über die Neue Wache und das Holocaust-Mahnmal kontrastieren die heutigen Bilder der beschriebenen Gedenkstätten. Sie zeigen eine Normalität, die es eigentlich nicht geben dürfte. Zudem analysieren ausführliche Interviews mit Alex Feuerherdt, Klaus Bittermann, Hermann L. Gremliza und Henryk M. Broder Geisels Thesen in Hinblick auf die gesellschaftlichen Verhältnisse heute. Von der politischen Biografie Eike Geisels ausgehend, zeichnet »Triumph des guten Willens« ein Bild linker Debatten der letzten Jahrzehnte und fragt schließlich nach der Möglichkeit von Kritik in unmöglichen Zeiten.

Die Veranstaltung ist eine Kooperation zwischen der Buchhandlung drift, dem Arbeitskreis Gesellschaftskritik und dem Bündnis gegen Antisemitismus und Antizionismus Leipzig.

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Aus der Schublade eines Genossen

Der folgende Text war vom Autor ursprünglich als kritischer Nachtrag zum Abendprogramm der Konferenz „Kritische Theorie. Eine Erinnerung an die Zukunft“ Ende 2013 in Berlin angedacht. Da er aber nicht rechtzeitig und schließlich gar nicht fertiggestellt wurde, soll das durchaus lesenswerte Fragment nun hier zugänglich gemacht werden. Der Text ist auch als PDF-Version verfügbar.

Wegen Eurer Kleinkunst. Abgebrochene Selbstaufklärung über eine Samstagabendkatastrophe.

„Wie konnten Sie so eine Leichenschändung dulden? Warum haben Sie nicht dagegen geflucht und
gewettert? Ach, wir haben viel zu vieles ruhig hingenommen. […] Wir waren viel zu milde. Aber ich
schwöre, ich will mich bessern.“ (Rosa Luxemburg an Franz Mehring, 31.8.1915)

Man hätte besser die U-­Bahn genommen

Vom 29.11. bis 1.12.2013 fand an der Berliner Humboldt-Universität die Konferenz Kritische Theorie. Eine Erinnerung an die Zukunft statt. Für Samstagabend, den 30.11., hatten deren Veranstalter unter der Überschrift „Leichte, doch wohl auch kritische Unterhaltung“ zu einer Lesung „satirischer Anekdoten Eckhard Henscheids“ in die Schankwirtschaft Laidak geladen. Schon jene alberne, verschämt-unverschämte Ankündigungsformel im Programmheft, unter der man garantiert jedweden Müll als in gewisser Hinsicht interessantes Kulturgut anbieten kann, ließ vermuten, dass dieser Abend mindestens langweilig, tendenziell aber ein Durchwandern humoristischer Abgründe werden würde. Vollends bestätigt worden wäre diese Vermutung schon im Voraus, hätte man rechtzeitig einen Blick auf die Webseiten dieses Kritikfestivals geworfen. Dort hätte man nicht nur erfahren, dass es sich bei den erwähnten satirischen Anekdoten um Teile aus einem Buch mit dem untröstlich blöden Titel Wie Max Horkheimer einmal sogar Adorno hereinlegte. Anekdoten über Fußball, kritische Theorie, Hegel und Schach handelte, sondern auch, dass man vorab eine Performance unter dem im schlechten Sinn vielversprechenden Motto Übersetzung Critique Repetitions & Other Fehler erleben müssen würde. Spätestens hier wäre jedem Restvernünftler klar gewesen, dass stundenlanges Herumgondeln in der Berliner U-Bahn mit dem ohnehin einmal erworbenen Tagesticket die sinnvollere und erfahrungsreichere Abendgestaltung gewesen wäre und dass man das zufällige Angebot einer Mitfahrgelegenheit ins neuköllner Szenelokal trotz des Sauwetters hätte ablehnen sollen. Was sich an jenem Abend vollzog, war schließlich das genaue Gegenteil von Kunst und Unterhaltung als Ausflucht aus einer von schwer bewaffneter Tristesse umstellten Existenz: praktizierter Umfall in kreative Grausamkeit, bruchlose Fortschreibung zeitgenössischer Alltagsidiotie mit künstlerischen Mitteln.

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