Ideologie der Verwaltung. Zur Kritik der Rationalisierung des Irrationalen.

Veranstaltungsreihe des Arbeitskreises Gesellschaftskritik im Sommersemester 2014

Die falsche Arbeit der Gesellschaft an sich selbst

Programmtext des Arbeitskreises Gesellschaftskritik

I.

„Kompetenzentwicklung“, so erfährt man in der Packungsbeilage des Masterstudiengangs „Begabungsforschung und Kompetenzentwicklung“ der Universität Leipzig, ist ein Kernbegriff „eines in den letzten Jahren neu entstandenen sozial-, kultur- und erziehungswissenschaftlichen Forschungs- und Handlungsfeldes.“1 „Für den Arbeitsmarkt“, heißt es dort, „ist das in diesem Studiengang angebotene Profil von hoher Relevanz, weil es stark nachgefragte Qualifikationen und Kompetenzfelder in einer Ausbildung vereinigt. Das Spektrum des möglichen beruflichen Einsatzes ist breit und reicht vom Einsatz in der akademischen Forschung über beratende und gestaltende Aufgaben in der Bildungsadministration und in Unternehmen bis zu einer freiberuflichen Tätigkeit. Die möglichen Tätigkeitsfelder umfassen sowohl die klassischen Felder von Schule, der Erwachsenen- bzw. Weiterbildung, der sozialen Arbeit, der Wirtschaft, Kulturarbeit und Politik sowie Großorganisationen, die intern Bereiche für Begabungsförderung, Bildung und Lernen ausdifferenziert haben, als auch die neuen ‚impliziten‘ Bereiche für Bildung und Lernen, deren Existenz immer mehr ins Bewusstsein tritt und sich vor dem Hintergrund einer zunehmenden Entinstitutionalisierung und Marktorientierung mehr und mehr ausbreiten.“2

Ins Bewusstsein sollte hier vor allem treten, dass es sich bei diesen Zeilen um ein gelungenes Bild der postmodernen Variante einer „verwalteten Welt“ (Adorno/Horkheimer) handelt. Es sprechen aus ihnen exemplarisch die Imperative einer Gesellschaft, in der fast alle ununterbrochen damit beschäftigt sind, sich in unfreiwilliger Selbstverwaltung als prospektive Ich-AG mit innerem Team im gesellschaftlichen Konkurrenzzusammenhang zu behaupten. Der Zwang zum „Pech, produktiver Arbeiter zu sein“ (Marx) erweitert sich um den zur offensiven Affirmation der eigenen Misere, zur Identifikation mit dem Angreifer, die sich die Einzelnen gleichfalls im besten Sportsgeist und mit tatkräftiger Unterstützung der dafür zuständigen Berufsgruppen als Selbstaktivierung im survival of the fittest noch einmal verordnen. Es gilt, sich permanent als potent, produktiv, präsent und performant zu zeigen. Und die unter der Leitidee des „lebenslangen Lernens“ von den Einzelnen geforderte jederzeitige Bereitschaft zum „Umparken im Kopf“ schickt sich an, die Drohung, dass die Folter nie endet, noch einmal wahr werden zu lassen. Die eigene Existenz mutiert zum „Projekt Leben“. Individuation wird zur Profilentwicklung eingedampft, in deren Prozess man sich schließlich selbst als immerwährende Kompetenzbaustelle zu begreifen lernt.

Der Verkehr zwischen den Einzelnen wird, ebenfalls ganz im Sinn von Kompetenzentwicklung, zur erklärtermaßen „gewaltfreien“ sozialen Verfahrenstechnik „ausdifferenziert“. Zwischenmenschliche Kommunikation entleert sich so zur Kunst des Miteinander-Reden-Könnens und der allgemeinen Umgänglichkeit, auf deren Territorium jeder Schutz vor den Übergriffen universalistischer Ansprüche findet und der offensive gesellschaftliche Irrsinn kaum noch seine Denunziation fürchten muss. Alle Auseinandersetzung vom Beziehungsstreit bis zur fremdenfeindlichen Mobilisierung gegen Flüchtlingsunterkünfte wird in „gemütlicher Abstraktion“ (Marx) zum Konflikt zwischen verschiedenen Akteuren begradigt, den es stets konstruktiv zu bearbeiten gelte. In Workshops zur Menschenkenntnis und Prozessmoderation, im Zwang zur kritikabstinenten Ich-Botschaft der sogenannten Feedbackkultur und im pedantischen awareness speech der Antidiskriminierungslinken wird letztlich eine Leitkultur der feindseligen Freundlichkeit etabliert. Darin offenbart sich wiederum das Barbarische jenes egalitären Geistes, der stets Teilhabe am gesellschaftlichen Unrecht ist: Der bestehende Konkurrenzdruck soll nicht etwa (notfalls mit Gewalt) positiv aufgehoben, sondern stattdessen nur noch im Rahmen eines die gesellschaftlichen Verhältnisse fortschreibenden zwangswattierten und -geschmierten Hauens und Stechens ausagiert werden. Wer nicht in der Lage oder Willens ist, bei sich selbst das dafür notwendige Upgrade in Konformismus durchzuführen, muss damit rechnen, dass ihm von therapeutischem Fachpersonal die Diagnose „mangelnde Sozialkompetenz“ ausgestellt wird.

Glück existiert in diesen Verhältnissen nur mehr als brutal induzierte Illusion. Als erlernbare Fähigkeit zur Selbstsuggestion wird es gleichfalls trainiert und in den Modulbaukasten zur Lebenskompetenz integriert. Die Fähigkeit zu Genuss und Seelenruhe ist Funktion der regenerativen Selbstentschädigung für die Gewalt, die man nicht nur sich selbst antun muss, um in dieser Gesellschaft leben zu können. Sie ist armselige Kunst des positiven Denkens im negativen Zusammenhang. Das synthetische Glück aus Dummheit, die immer schon Resultat erlittener Gewalt ist, sanktioniert schließlich noch den gröbsten Unsinn als Ausdruck vermeintlicher Lebendigkeit.

Allenthalben greift eine in den Bereich der Esoterik übergreifende Ideologie der innovativen Organisation, Selbstregulation, Beratung und Mediation, der Kommunikation und Kompetenz Raum, die permanent die scheinhafte Glättung gesellschaftlich erzeugter Widersprüche vorantreibt: vom Pädagogikstudium über die Schulpraxis zur Demokratieerziehung politischer Bildungsinitiativen, von der Unternehmensberatung über die Workshops und Trainings in den Carreer Centern der Universitäten bis zur sozialen Arbeit, von sozialen Bewegungen über die studentische Selbstverwaltung zum Kulturmanagement bis hin zur ganz privaten Selbstoptimierung mithilfe von Erfolgs- und Zufriedenheitscoachings in „Mutfabriken“, „Glückslaboren“ und Praxen für philosophische Lebensberatung. Überall leistet die entfesselte Rationalität-Irrationalität ihren Beitrag zur Prozessoperationalisierung und Verlaufsoptimierung der elenden Existenz unterm Dach der durch das Kapitalverhältnis gesetzten materiellen Not und objektiven Sinnlosigkeit. Widersprüche, deren Gründe in den strukturellen Gegebenheiten kapitalistischer Gesellschaft zu suchen wären, werden als lebenskünstlerisch geschickt zu nehmende Hürden in die Einzelnen zurückverlagert, die sie dann, ob für sich allein oder in der grotesk-lächerlichen Tristesse üblicher Selbsthilfegruppen, bei sich selbst lösen sollen. Es wird eine Gesellschaft rationalisiert, die ihnen die ständige Anpassung an einen widervernünftigen Zweck, einen „Zustand unverändert destruktiver Irrationalität“ (Adorno) abverlangt, in dem die individuelle Selbsterhaltung unweigerlich mit Selbstzerstörung verbunden ist, in dem sie sich kaum erhalten können, wenn sie sich nicht in irgendeiner Weise zur Funktion des schlechten Allgemeinen machen. Wer mit der eigenen Existenz nicht sofort Schiffbruch erleiden will, muss vernünftig genug sein, sich selbst so weit abzuschaffen, wie es der Imperativ der Selbstbehauptung gebietet.

II.

Dass das Allgemeine kapitalistischer Gesellschaft ein negatives ist und die Einzelnen in ihr vorrangig im schlechten Sinn zusammenhängen, verdeutlicht der Blick auf ihre Aneignungsform: Als Warensystem verfasst, garantiert sie den Ausschluss aller durch alle vom gesellschaftlichen Reichtum. Die Einzelnen stehen sich in ihr als Subjekte einer Konkurrenz um Lebenschancen gegenüber. Bedürfnisse haben nur dann eine Aussicht auf Befriedigung, wenn sie mit Zahlungsfähigkeit zusammenfallen. Für fast alle besteht daher der Zwang zur Lohnarbeit, durch die man entgegen aller fetischistischen Leier vom verdienten relativen Wohlstand aus ehrlicher Arbeit, von Selbstverwirklichung oder Beitrag zum Gemeinwohl letztlich zu nichts kommt, weil man ein Leben lang die eigene Arbeitskraft für fremde Zwecke, die man sich zueigen macht, abschanzt und das dafür erhaltene Schmerzensgeld im Regelfall zu mehr nicht reicht, als sich selbst in seiner Funktion als verfügbarer Arbeitskraftbehälter zu erhalten. Die Gesellschaft des Kapitals ist allem voran Ausbeutungs- und Herrschaftszusammenhang, ein Verhältnis, in dem die Lebensbedingungen aller daran geknüpft sind, inwieweit sie sich als nützlich für die ihrem Wesen nach maß-, rast- und sinnlose Verwertung des Werts erweisen. Die so verrückte wie unumschränkt geltende Anforderung an die Einzelnen lautet, sich unter diesem Zweck für alle möglichen Verwendungen offen zu halten, sich gleichsam passgenau zu spezialisieren und jede neue Bedürfnisweckung kauffreudig zu sanktionieren, während die Welt um sie herum zusehends unbrauchbar wird.

Die destruktiven Verstrickungen, in die sich die kapitalistische Gesellschaft notwendig ständig weiter hineinwirtschaftet, vermögen indessen nicht unbedingt etwas gegen ihr prinzipielles Funktionieren. Das Paradox der „verwalteten Welt“ liegt gerade darin, dass sie sich durch ihre selbstgeschaffenen Widersprüche hindurch erhält, indem sie diese in ihren Funktionszusammenhang integriert, das heißt: sie als Teil ihres Funktionierens bestimmt.3 Das vorläufige Resultat der Geschichte von Klassenkämpfen, die mit Marx, Engels und anderen einmal die Perspektive ihrer sozialrevolutionären Aufhebung erhalten hatte, ist hier ihre eigene Fortschreibung in der Gesellschaft des „sozialen Konflikts“, der als Abenteuer, Chance oder gar Lebensform begriffen wird und der dem Imperativ der diese Gesellschaft tragenden Ideologie der Verwaltung folgend stets konstruktiv – das heißt: im Einverständnis mit seiner Grundlage – zu bearbeiten ist.

III.

Wie Glück in dieser Welt nur als Phantomschmerz einer Möglichkeit oder gegen sich selbst zum reinen Mittel gewendetes auftritt, so wandelt auch Vernunft in ihr nur mehr als instrumentelle: als bedürfnisorientierte Anpassung ans Bestehende, als Konzession an den allgemeinen Irrsinn zur Schadensbegrenzung bei sich selbst. Gleichfalls entfesselt und verstümmelt, ist sie herabgesetzt zur Kalkulation im Wahn, zur Rationalisierung des Irrationalen: Vernunft im Dienst der Unvernunft. Der herrschende begriffslos pragmatische Idealismus ist dabei nur die mit dem sozialen Verhältnis zusammenstimmende Denkform. Und wie das Kapital selbst nicht nur gleichgültig gegen jeden vernünftigen Zweck, sondern Barriere gegen jeden Versuch, eine vernünftige Gesellschaft einzurichten, ist, so ist es das dem Kapitalverhältnis entsprechende Denken. Die zeitgenössische Form von Ideologie, das losgelassene pluralistische, kulturalistische, subjektivistische, fatalistische Wüten der Meinung verklärt dabei nicht nur den Zusammenhang der gesellschaftlichen Struktur mit dem durch nichts zu rechtfertigenden Leid derer, die in ihr ihr Dasein fristen. Sie ruiniert überhaupt die Fähigkeit, das aus den Widersprüchen dieser Gesellschaft herrührende Leid als etwas im Grunde Unerträgliches und Abschaffenswertes zu begreifen. Am Ende steht die sado-masochistische Zueignung der gesellschaftlichen Katastrophenlage als Ausgangspunkt und Begleitumstand eines individuellen Abenteuerpfads zum erfolgreichen und vermeintlich erfüllten Leben. Der verzweifelte Kampf um die Kontinuität eines eigenen Lebens, das nicht bloßer Lebenslauf wäre, muss nicht geführt werden, wo sich mit den Anforderungen eines irrationalen Verhältnisses identifiziert wird, dessen Widerspruch zu den eigenen Interessen man ohnehin kaum mehr zu erkennen in der Lage ist. Schließlich gehört es zu den Eigenheiten postmoderner ideologischer Beliebigkeit, Kritik, die zur Entscheidung über Wahrheit strebt und daher ein Mindestmaß an Kenntnis gegenüber dem kritisierten Gegenstand voraussetzt, in stümperhaft-aktivistisches Rauf- und Runterdenken gleichgültiger Varianten und billigem Dauerskeptizismus aufzulösen, die stets nur in der Affirmation des gesellschaftlichen Status quo ihr Ende finden können. Nichts anderes bezeichnet der im Management- und Beratungskontext anzutreffende Begriff der „Reflexivität“, die im Unterschied zur Reflexion – und paradoxerweise zum substanzlosen Aktivismus eines wilden Denkens gerade passend – keine Tätigkeit, sondern „eine Eigenschaft, ein Merkmal von Strukturen, Prozessen, Systemen“4 ist.

Dass der aktuelle Wissenschaftsbetrieb nicht antritt, das ideologische Alltags-Patchwork kritisch zu zerlegen, sondern es aufgreift und als professionalisierte Dummheit zu seinem eigenen Geschäft macht und so massiv befördert, überrascht kaum. Die Einzelwissenschaften machen sich je nach Fachbereich alle möglichen Facetten des gesellschaftlichen Elends zum Forschungsgegenstand und verkleben die Ergebnisse ihrer „um die rationale Beziehung zum Ganzen unbekümmerten“5 Theorieproduktion am widervernünftigen Zusammenhang zum interdisziplinären Nonsens, zur philosophisch, soziologisch, volkswirtschaftlich, pädagogisch, psychologisch, neurobiologisch usw. fundierten Friedens- und Konfliktforschung, Governance, pädagogischen Psychologie, Arbeits-, Organisations- und Personalpsychologie, Begabungsforschung und Bildungswissenschaft, schließlich zum Human Resource Management in ganzheitlicher Absicht.

Die nachhaltig gewinnbringende (Selbst-)Verwaltung von Menschen als Mehrwertressource ist schließlich der objektive Fluchtpunkt aller theoretischen und praktischen Vermittlungsversuche im irrationalen Zusammenhang, die von den materiellen Grundlagen dieser Gesellschaft absehen. Darin liegt auch ihre „hohe Relevanz für den Arbeitsmarkt“ begründet. Vom Imperativ der Anwendbarkeit und jederzeitigen Einsatzbereitschaft für kapitalistische Zwecke zeugt das Lernziel „employability“ – „Beschäftigungsbefähigung“ – in der Vermittlung „überfachlicher Schlüsselqualifikationen“ im Bachelorstudium und das an Absurdität kaum zu überbietende Workshopangebot von Kompetenzschulen und Studienstiftungen – vom „Bewerbungs-Quickie“ über den „Selbst-PR“-Workshop bis zum Erlernen von „Zeitsouveränität“ – genauso wie die früher oder später fällige Psychotherapie, aus der man schließlich „arbeitsfähig nach Hause“ entlassen wird.

Wo es um die Produktion von Mehrwert geht, der allein in der Ausbeutung menschlicher Arbeitskraft zu holen ist, müssen stets sowohl anwendbare und einsatzbereite Arbeitskräfte als auch Möglichkeiten zur Anwendung ihres Arbeitsvermögens vorhanden sein. In einer Gesellschaft aber, in der durch die von der kapitalistischen Konkurrenz selbst erzwungene ständige technische und organisatorische Optimierung des Produktionsprozesses der Einsatz menschlicher Arbeitskraft bereits in weitem Maß überflüssig geworden ist, zeigt sich umso schlagender das Irrationale der Verwertungslogik, in der die Ware Arbeitskraft einerseits als einzige Reichtumsquelle und andererseits als Kostenfaktor unter anderen auftritt. Die kapitalistische Notwendigkeit, Arbeitskraft möglichst günstig zu kaufen und möglichst effektiv zu gebrauchen, übersetzt sich praktisch in das Gebot, möglichst wenige möglichst billige Arbeitskräfte möglichst effektiv auszubeuten. Für diejenigen, die auf Lohnarbeit angewiesen sind, ergibt sich daraus die Anforderung, möglichst anwendbar zu sein, mithin ein stetig wachsender Anpassungsdruck an die sie bestimmenden Verhältnisse. Und wo die Möglichkeiten zur Verwertung ihrer eigenen Arbeitskraft sich stark verringert haben und weiterhin abnehmen, müssen die Einzelnen schon aus materiellem Eigeninteresse darauf bedacht sein, entweder in der rapide zunehmenden Konkurrenz um die verbleibenden Plätze auf dem „ersten Arbeitsmarkt“ gut abzuschneiden oder sich dort selbstständig als konkurrenzfähige Arbeitskraftunternehmer zu verdingen.

Sowohl bei der Vorbereitung auf diesen Arbeitskrieg wie bei der Behandlung seiner Kollateralschäden finden die überall eingeschalteten Coaches, Trainer, Mediatoren, Berater, Fallmanager und Verhaltenstherapeuten, die sich schon durch ihre Berufsbezeichnungen als Instanzen falscher Vermittlung ausweisen, ihr Aktionsfeld. Die aus dem Verwachsen der Sphären von Beratung, Mediation, Erziehungswesen, sozialer Arbeit, Kompetenzbildung und Therapie entstandene Vermittlungsindustrie soll dabei mit ihrer Arbeit an der Arbeitsfähigkeit und Funktionstüchtigkeit der Einzelnen wie ihres Zusammenhangs möglichst einen doppelten Dienst für die Gesellschaft des Kapitals leisten, indem sie aus der Notwendigkeit, das kapitalistisch erzeugte Elend zu verwalten, selbst neue Gelegenheiten für kapitalproduktive Arbeit schafft und dabei ganze neue Berufsfelder, Ausbildungs- und Studienrichtungen sowie Forschungsbereiche hervorbringt. Die zunehmend institutionalisierte falsche Arbeit der Gesellschaft an sich selbst ist jedoch nicht Selbstläufer einer Arbeitsbeschaffung, die die Bewirtschaftung des gesellschaftlichen Antagonismus zum rettenden Geschäft wenden könnte. Ebenso leistet sie mit ihren Versuchen der Integration der Widersprüche in den individuellen und polit-ökonomischen Funktionszusammenhang lediglich einen Beitrag zur prekären Konservierung eines Verhältnisses, in dem sich alles weiter gegen die vernünftige Einrichtung der Welt verstrickt.

IV.

Die Kritik jener Form notwendig falschen Bewusstseins, die als Verfallsform die bürgerliche Ideologie beerbt hat, wird zur Voraussetzung aller Kritik, wo die schlagende objektive Irrationalität mit der unter ihr tendenziell normalen und notwendigen Verrücktheit der Einzelnen zu einer Gesellschaft des selbsttragenden Wahns fusioniert hat. Kritik an dieser Gesellschaft muss demnach unnachgiebige Denunziation des subjektiven und objektiven Wahns sein, beharrlicher Angriff auf den ungeglaubten Glauben des professionalisierten gesunden Menschenverstands, aus dem sich der fortschreitende Irrsinn des Ganzen unentwegt speist.

Arbeitskreis Gesellschaftskritik
Leipzig, Juni 2014

Anmerkungen

  1. http://www.uni-leipzig.de/masterbuk/profil/leitidee, letzter Aufruf: 14.6.2014. [zurück]
  2. http://www.uni-leipzig.de/masterbuk/profil/taetigkeitsfelder, letzter Aufruf: 14.6.2014. (Rechtschreibung und Grammatik wie im Original) [zurück]
  3. Vgl. Theodor W. Adorno: Anmerkungen zum sozialen Konflikt heute. In: Ders.: Soziologische Schriften I (=Gesammelte Schriften, 8). Frankfurt am Main 1972. S. 183. [zurück]
  4. Manfred Moldaschl: Was ist Reflexivität? S. 3. (https://www.tu-chemnitz.de/wirtschaft/bwl9/publikationen/lehrstuhlpapiere/WP_2010_11_Reflexivitaet.pdf, letzter Aufruf: 13.6.2014.) [zurück]
  5. Max Horkheimer: Zum Problem der Wahrheit. In: Kritische Theorie. Eine Dokumentation. Frankfurt am Main 1977. S. 233. [zurück]

Veranstaltungen im Rahmen der Reihe

Die totale Therapie. „Gewaltfreie Kommunikation“ und ideologiefreie Gesellschaft.
Vortrag und Diskussion mit Magnus Klaue
15. Mai | 19 Uhr | Universität Leipzig (HSG) | Hörsaal 8

Die Berufsfelder Coaching, Mediation und Supervision, in denen Psychoanalytiker, Soziologen und Geisteswissenschaftler verschiedenster Couleur mittlerweile eher eine Beschäftigung finden als in den Bereichen, für die sie eigentlich ausgebildet wurden, markieren die schlechte Selbstaufhebung bürgerlicher Ideologie wie der konkreten Vergesellschaftungsform, der diese entsprang. Ideologie war nie einfach nur Schein, sondern stets auch die Möglichkeit, den Widerspruch, der sich in ihr ausdrückte, negativ auf den Begriff zu bringen: In diesem Sinne verwies insbesondere die Freudsche Psychoanalyse in ihrem antagonistischen Status als kritische Theorie des Subjekts und therapeutische Praxis auf die Notwendigkeit der Abschaffung jener Umstände, die sie hervorbrachten. Die therapeutische Gesellschaft, die die bürgerliche beerbt hat, liquidiert, wie die frühe kritische Theorie voraussah, mit der materiellen Bedingung der Möglichkeit von Erfahrung im Triebgrund der Subjekte auch die Möglichkeit der Erfahrung solchen Widerspruchs. Ausdruck davon ist das die gesamte Gesellschaft von der Beziehungsberatung bis zum Assessment-Center bestimmende Leitprinzip der „gewaltfreien Kommunikation“ als ein soziales Verhältnis, aus dem jede Spur unreglementierter Erfahrung als potentielle Kommunikationsstörung liquidiert sein soll. Warum in dieser „gewaltfreien Kommunikation“, die es den verstümmelten Subjekten erlaubt, sich die Affirmation gesellschaftlicher Gewalt als ihre je willkürliche Freiheit zuzueignen, ein Begriff von Kommunikation zu sich selbst kommt, der sich von Habermas bis in diverse Konsensspiele der basisdemokratischen Linken tradiert hat, soll der Vortrag erläutern.

Magnus Klaue hat an der FU Berlin gelehrt und promoviert, arbeitet im Lektorats- und Dossier-Ressort der Jungle World und schreibt außerdem u. a. für Konkret und Bahamas.

Selbstbetrug als „Lebenskompetenz“. Über die neuesten Anschläge auf das Glück.
Vortrag und Diskussion mit Knut Germar
11. Juli | 19 Uhr | Universität Leipzig (HSG) | Hörsaal 8

Deutschland scheint ein Land von Glückssuchern zu sein. Enquete-Kommissionen diskutieren nach dem Vorbild des bhutanischen „Bruttonationalglücks“ über neue Messzahlen für Wachstum und Fortschritt. Öffentlich-rechtliche Fernsehanstalten senden ganze Themenwochen zum Glück und stoßen auf erhebliche Begeisterung. Sogenannte „Glücksforscher“ werden durch die Talkshows gereicht, und das Angebot der entsprechenden Ratgeber- und Lebenshilfeschriften auf dem deutschsprachigen Büchermarkt ist längst unüberschaubar geworden. An der Spitze des Glückshypes, der die gesamte Gesellschaft erfasst zu haben scheint, stehen Therapeuten, Erzieher und andere Unmenschen, die ihre Konzepte an den Mann bringen wollen. Ganz gleich ob Psychologie, Pädagogik oder Beratungsbranche, einig ist man sich in der Vorstellung, Glück sei etwas, das man erlernen könne, wenn man nur fleißig und ernsthaft an sich selbst arbeitet und das Leben so hinnimmt, wie es nun einmal ist. Egal ob Schulfach Glück, Positive Psychologie, positivistische Glücksforschung oder esoterische Lebensberatung, sie alle propagieren nur eines: die blinde und bedingungslose Anpassung an die bestehenden Verhältnisse. Dass sie damit vor allem das zementieren, wovon sie auffällig laut schweigen, soll der Vortrag thematisieren. Es wird davon zu reden sein, worin die Gründe für den gegenwärtigen Glücksboom zu suchen sind, was es mit der Formel vom Glück als „Lebens- und Lernkompetenz“ auf sich hat und warum das notwendige Scheitern von autoritären Beglückungskonzepten nur wenig Anlass zur Hoffnung gibt, dass die Menschen eines Tages vielleicht doch noch ihr Glück in die eigene Hand nehmen könnten.

Knut Germar lebt in Halle. Er ist Redakteur der hallischen Zeitschrift Bonjour Tristesse und Autor der Zeitschrift Bahamas.

Von der verwalteten zur mobilisierten Welt. Über das Outsourcing des Staates.
Vortrag und Diskussion mit Clemens Nachtmann
14. Juli | 18 Uhr | Universität Leipzig (HSG) | Hörsaal 8

In dem Maße, in dem die durch das Zusammenwirken von Staat und Sozialpartnern scheinbar prästabilisierte Einheit von Massenproduktion und Massenkonsum und damit der scheinbar immerwährend prosperierende deutsche „Volkskapitalismus“ in die Krise gerät, zerfällt die Gesellschaft und mit ihr der sie absichernde staatliche Souverän. Statt als Objekte der Versorgung durch das volksstaatlich gezähmte Kapital bzw. den bürokratischen Volkstaat werden die Individuen nun wie in einer schlechten Karikatur auf den Liberalismus von einst als Subjekte ins Visier genommen, die ihren Objektstatus ganz selbstbestimmt und eigenverantwortlich verwalten dürfen. Auf diese Weise kehrt die allgemeine Mobilmachung von einst wieder als „freie“, auf je eigene Faust und in Konkurrenz zueinander betriebene Mobilisierung jedes Einzelnen an sich und mit sich selbst. Die „verwaltete Welt“ (Adorno/Horkheimer) als die sistierte Mobilmachung geht aus eigener Logik in die „mobilisierte Welt“ über, das demokratisierte völkische Generalracket zerfällt in seine Unterabteilungen, die in sich und untereinander erbittert darum konkurrieren, als „outgesourcte“ und fortan auf eigene Rechnung agierende Cliquen und Rackets als Partikel von Herrschaft, als Momente des in die Gesellschaft diffundierenden Staates anerkannt zu werden.

Clemens Nachtmann ist Komponist, Redakteur der Zeitschrift Bahamas und Autor u. a. von „Die demokratisierte Volksgemeinschaft als Karneval der Kulturen“, erschienen in: Stephan Grigat (Hg.): „Postnazismus revisited. Das Nachleben des Nationalsozialismus im 21. Jahrhundert“ (ça ira 2012).

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