Wissenschaft im Dienste von Staats­- und Geldmacht und Hochschulreform als Waffe in der Standortkonkurrenz

Vortrag und Diskussion mit Freerk Huisken
23. Mai | 19 Uhr | Universität Leipzig (GWZ) | Raum 2.010

Hochschulpolitiker sind ausgesprochen selbstkritisch. Ihnen erscheinen ein gebührenfreies Studium von mehr als acht Semestern, Prüfungen nur am Ende des Studiums, Studienordnungen, die Studierenden die Planung des Studiums überlassen, der garantierte Beamtenstatus und die freie Wahl von Forschungsgegenständen nach den Wissenschaftsinteressen der Lehrenden wie eine Einladung zur Faulheit, Ineffektivität und Vergeudung von „Humankapital“. „Zu lange Studienzeiten“, „zu wenig Leistungszwang“, „zu wenig ökonomische Effektivität“, „zu wenig Praxisbezug“, „zu wenig Konkurrenz“, lautet ihr Befund. Für sie steht fest, dass die Unis nicht genug von dem leisten, was die Nation braucht: Mehr Wachstum, mehr Attraktivität des Standorts für internationale Geldanleger, größere (Wissens­)Vorsprünge in Sachen Produktivität vor dem Rest der Welt. Der ganze Sektor leistet für sie in dieser Hinsicht einfach zu wenig. Das Credo der Reform heißt deshalb: Für das Geld, das der Staat ausgibt, und in den Einrichtungen, die er längst geschaffen hat, mehr Leistung erzwingen, die in Forschung und Lehre am Maßstab der Standortkonkurrenz orientiert ist.

Wissenschaftler sollen daher mehr Forschungsergebnisse liefern, die schneller der Industrie verfügbar sind. Studenten sollen gemäß des Bologna­Prozesses kürzer und intensiver studieren, damit sie jünger und billiger in die Berufe drängen. Die Kapazitätsüberlastung der Unis gilt als Konkurrenzimpuls für Studierende, die Zulassung von Privatunis heizt die Rivalität mit den Staatsunis an und der Wettbewerb um die Anerkennung als Exzellenzuniversität macht den Forschern Beine. So geht Hochschulreform heute.

Kritik von Studierenden gibt es daran auch. Doch welche: Es wird mehr Geld für die Unis gefordert, der Leistungsdruck mit dem Hinweis darauf, dass man doch „Mehr Wert“ sei, angeprangert, der Verlust der Freiheit von Forschung und Lehre gerügt und, wenn es hoch kommt, der Zugriff von „Verwertungsinteressen“ auf die Unis kritisiert. Diese Kritik trifft nicht das, was die Uni ist und was der Staat mit ihnen vor hat. Und der studentische Forderungskatalog steht mehr für den Aufstand einer beleidigten akademischen Elite als für eine treffende Befassung mit den Gründen der Hochschulreform.

Freerk Huisken war bis März 2006 Professor für Politische Ökonomie des Ausbildungswesens an der Universität Bremen und ist Autor u.a. von „Erziehung im Kapitalismus – Von den Grundlügen der Pädagogik und dem unbestreitbaren Nutzen der bürgerlichen Lehranstalten“ (VSA Verlag).

Advertisements