Unsere Heimat, das sind nicht nur die Städte und Dörfer…

Vollversion des Textes aus Junge World 15/2016

Wer die sächsischen Verhältnisse auf CDU, AfD und Pegida reduziert, lässt ein wesentliches Schmiermittel der provinziellen Borniertheit außer Acht. Seit Jahrzehnten stimmen alle wesentlichen gesellschaftlichen Akteure in den identitären Chor der Tradition und Heimatbindung ein.

Von Felix Schilk und Tim Zeidler

Zur Europawahl 2009 lag die Wahlbeteiligung im 2008 entstandenen Landkreis Mittelsachsen fast 15% höher als der gesamtdeutsche Durchschnitt. Parallel zur Zusammensetzung des europäischen Parlaments konnten sich die Mittelsachsen an einer Abstimmung über ein neues KfZ-Kennzeichen beteiligen, die sie durch mühsame Unterschriftensammlungen errungen hatten. Die lächerliche Kampfabstimmung darüber, welche Stadt dem neuen Landkreis ihre Buchstaben leihen soll, mobilisierte Zehntausende an die Wahlurnen. Vorausgegangen waren monatelange Streitereien und lokalpatriotische Überbietungswettbewerbe.

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Suche dein Selbst, finde deinen Feind.

Tagung zur Kritik der Esoterik

23. April | 15 Uhr | Cineding (Karl-Heine-Str. 83, Leipzig)
Es sprechen Ansgar Martins und Jérôme Seeburger.

Der Leipziger Westen hat sich in den letzten Jahren von einem eher unbeliebten und von Industrie und Verfall gezeichneten Stadtteil zu einem sogenannten Szeneviertel gewandelt. Bioläden und Spätshops, in denen mittlerweile umwelt- und gesundheitsbewusst konsumiert werden kann, reihen sich an aufwendig aufgehübschte Industriebauten, in denen Callcenter und Ateliers eingezogen sind. Nach Dienstschluss trifft sich die studentische Künstler- und Alternativszene zum besseren Leben in Bars und Kneipen, von denen die ein oder andere tagsüber auch schon mal als Fahrradladen fungieren kann. Die neoliberale Lebens- und Arbeitswelt, in der sich fast alle als lebende Ich-AGs zu betätigen und sich in permanenter Selbstoptimierung und -verwaltung zu üben haben, hat also auch hier Einzug gehalten.

Gleichzeitig ist der Westen Leipzigs und besonders der für seine familiäre Gemütlichkeit bekannte Stadtteil Schleußig ein Zentrum des esoterischen Wahnsinns. An jeder Ecke finden sich Lichtwerkstätten, Yogatempel, ganzheitlich Heilpraktiker, Gemeinschaftspraxen für chinesische, kinesiologische und alternative Medizin sowie Zentren für anthroposophische, fernöstliche, geomantische und energetische Ernährungs-, Raum-, und Lebensberatung. Homöopathische Arzneimittel gehören mittlerweile zum unhinterfragten Angebot in den Apotheken und werden auch von vielen Allgemeinmedizinern gern empfohlen und verschrieben. Etabliert hat sich ein florierender Beratungs-, Vortrags-, Seminar- und Workshopbetrieb, in dem Therapie und Aberglaube zur Ununterscheidbarkeit verschmolzen sind.

In der bunten Wühlkiste des therapeutischen Okkultismus ist für jeden Geschmack und für die individuelle Bewältigung jeder Lebenslage etwas dabei. Versprochen wird von den Gurus und Seminarleitern höheres Wissen über den Weg zu „Harmonie, Freude und Leichtigkeit“, zu einem gesünderen und stressfreien Leben. Für läppische 18 Euro Kursbeitrag kann in einem Meditationszentrum gelernt werden, „wie wir mit Leichtigkeit unseren Alltag meistern“ und „wie wir in Harmonie mit unseren Mitmenschen leben“. Nicht weniger wird feilgeboten als „der Pfad zur inneren Einheit“, der Weg zu unserem eigentlichen Selbst: „Wir alle wollen uns mit uns selbst in Einklang fühlen.“ Dass der esoterische Irrationalismus lächerlich ist, sagt dabei nichts gegen seine Gefährlichkeit.

Die esoterischen Angebote zielen darauf ab, mittels therapeutisch angeleiteter Selbstsuggestion die Subjekte mit der gesellschaftlichen Objektivität zu versöhnen. Gründe für das eigene Scheitern, für die gefühlte innere Zerrissenheit sollen nicht in den äußeren Verhältnissen gesucht werden. Die angestrebte Selbstführungskompetenz der esoterischen Therapie entspricht der Form konformistischer Subjektivität, wie sie von den Imperativen der modernen Arbeitswelt gefordert wird. Allenthalben greift eine in den Bereich der Esoterik übergreifende Ideologie der innovativen Organisation, Selbstregulation, Beratung und Mediation, der Kommunikation und Kompetenz Raum, die permanent die scheinhafte Glättung gesellschaftlich erzeugter Widersprüche vorantreibt. Überall leistet die entfesselte irrationale Rationalität ihren Beitrag zur Prozessoperationalisierung und Verlaufsoptimierung des gesellschaftlichen Vollzugs.

Die sich harmlos gebende esoterische Selbstsuche beschränkt sich aber nicht auf die innere Feindbestimmung und die Austreibung des letzten Zweifels an der höheren Sinnhaftigkeit des Weltverlaufs. Ihr ist zugleich eine nach außen gerichtete verschwörungsideologische Feindbestimmung eingeschrieben: „Suche dein Selbst, finde deinen Feind.“

Führersuche und Feindbestimmung. Thesen zum autoritären Charakter der
esoterischen Subjektivität

Esoteriker heute inszenieren sich erfolgreich als spirituelle Individualisten, die sich bloß auf der Suche nach dem Selbst befinden. Blinde Fügsamkeit und Folgsamkeit scheinen ihnen fremd. Als vollkommen kritische Konsumenten lassen sie sich auf dem Markt der esoterischen Glaubenswaren nichts vormachen. In ihrer vorgeblichen Selbstbezüglichkeit kennen sie scheinbar weder einen Führer noch einen Feind. Man könnte also glauben, das Modell „autoritäre Sekte“ hätte seine Attraktivität verloren und die Selbstsuche der esoterischen Spirituellen hätte mit dem antisemitischen Verschwörungswahn eines Jan van Helsing nichts zu tun.

Dieser Schein soll im Vortrag zerstört und die Autoritätsgebundenheit der Selbstsuche zum Vorschein gebracht werden. Die vermeintlichen Individualisten mögen sich von Sekten fernhalten, ihre Suche bleibt dennoch eine nach dem Führer, der ihnen ihre Melodie vorsingt. Sie brauchen keine einzige Zeile Jan van Helsings zu lesen, um ihm schicksalhaft auf seiner Suche nach dem Selbst zu folgen und den absoluten Feind zu finden.

Jérôme Seeburger (Leipzig) arbeitet an einer psychoanalytisch-sozialpsychologischen Studie zum esoterischen Autoritarismus. Unter anderem ist von ihm erschienen: Thesen zum ‚Primat des Antisemitismus‘. in: Freie Assoziation. Zeitschrift für psychoanalytische Sozialpsychologie, Heft 2/2015.

Versagung als Erlösung. Esoterische Moralphilosophie

Esoterische Selbstfindung vermag trotz glorreicher Versprechen dem Leid der Welt nicht zu entkommen. Der Widerspruch von verkündeter Harmonie und realem Elend kann durch die Suche nach dem Feind aufgelöst werden, aber auch, indem man die Lebensnot kurzerhand zur Tugend erklärt, so dass Selbstverwirklichung und Selbstunterwerfung ununterscheidbar werden. „Erfreue dich dessen, was dir gewährt ist, entbehre gern, was dir nicht beschert ist … das gibt die rechte Stimmung für den Esoteriker“ – sagt einer, der es wissen muss: Rudolf Steiner, dessen Anthroposophie („Weisheit vom Menschen“) eine der erfolgreichsten esoterischen Religionen des 20. Jahrhunderts wurde. Moderne Esoterik bringt zeitgemäße Moralvorstellungen hervor, denen zufolge sich das Bestehende bereits durch sein bloßes Bestehen als Manifestation eines höheren Sinnes auszeichnet. Schlechterdings jedes Übel, von Krankheiten zum Völkermord, lässt sich so als verkannter Segen umdeuten, als spannende Herausforderung auf dem Weg zur Perfektion, oder wenigstens als Lektion, aus der man gestärkt hervorgehen soll. Der Vortrag möchte das an der theosophischen „Wurzelrassen“-Lehre, der anthroposophischen Medizin und Eckart Tolles Konzept des „Schmerzkörpers“ illustrieren.

Ansgar Martins (Frankfurt a.M.) forscht zur Philosophie Siegfried Kracauers und hat verschiedentlich über Zusammenhänge von Esoterik, Religion und Moderne publiziert, zuletzt: Adorno und die Kabbala, Potsdam (in Vorbereitung); Rassismus und Geschichtsmetaphysik. Esoterischer Darwinismus und Freiheitsphilosophie bei Rudolf Steiner, Frankfurt a.M. 2012.

Die Veranstaltung ist eine Kooperation zwischen dem Arbeitskreis Gesellschaftskritik und dem Landesfilmdienst Sachsen.

Projektionen der Kurve. Zur Aktualität des Antisemitismus im Fußball

Vortrag und Diskussion mit Paul Mentz und Jannis Stenzel
29. April | 19 Uhr | Universität Leipzig (HSG) |Hörsaal 2

Nicht nur auf politischen Demonstrationen und in vielen europäischen Städten kommt es in erschreckender Regelmäßigkeit zu antisemitischen Anschlägen, Ausfällen und Übergriffen. Auch in Fußballstadien ist er Dauergast. Der Fußball präsentiert sich als Zerr- und Spiegelbild der Gesellschaft: So äußert sich Antisemitismus hier häufig aufbesonders vulgäre Weise, wie zum Beispiel im sogenannten „U-Bahn-Lied“. Durch bestimmte Charakteristika des Sports, etwa dem omnipräsenten Freund-Feind-Schema, der Konstruktion des Anderen sowie falscher Ökonomiekritik, kommt der Fußball gleichzeitig besonders gut der projektiven Funktionsweise des Antisemitismus entgegen.

In der kritischen Auseinandersetzung wird im Fußballkontext leider häufig auf die üblichen Deutungsmuster zurückgegriffen: Als Teil einer endlos zu verlängernden Reihung sogenannter Ausgrenzungsmechanismen gerät die Spezifik des antisemitischen Ressentiments aus dem Blick. Der Vortrag will versuchen eine gegenstandsbezogene Kritik des Antisemitismus zu leisten. Es sollen wesentliche Elemente herausgestellt und Erscheinungsformen sowie Funktionsweisen insbesondere in der Welt des Fußballs erläutert werden.

Jannis Stenzel ist Student der Sozialwissenschaften an der Ruhr Universität Bochum (RUB) und beendet gerade seine Masterarbeit über Antisemitismus im Fußball. Paul Mentz, der Philosphie und Soziologie an der RUB studiert hat, ist derzeit für die Opferberatung „Backup!“ in Dortmund tätig. Beide sind Teil des Arbeitskreises „Rote Ruhr Uni“ und bieten verschiedene Veranstaltungen, Lesekreise etc. im Umfeld der Ruhr Universität an. Sie sind auch selbst Fußballfans und auch in themenbezogenen Fanbündnissen aktiv. Zudem gründen sie gerade einen Verein in Dortmund mit dem Namen „bagrut“, der das Ziel hat, Antisemitismusprävention im Umfeld von Fuballvereinen und der Fanszene  zu betreiben.

Veranstaltungshinweis für den 12. März

Auf folgende Veranstaltung des Junges Forums der Deutsch-Israelischen Gesellschaft Leipzig möchten wir hiermit hinweisen:

Antisemitismus im heutigen Griechenland

Vortrag und Diskussion mit Dimitri Kravvaris
12. März | 17 Uhr | Galerie für zeitgenössische Kunst (Karl-Tauchnitz-Straße 9-11)

Seit Jahrzehnten ist Judenfeindlichkeit ein verbreitetes Phänomen in der griechischen Politik, Medienszene und Gesellschaft. Die erste weltweite Studie zum Antisemitismus, geführt 2014 von der amerikanischen Organisation Anti-Defamation League, verwies darauf, dass das Ausmaß der antisemitischen Einstellungen in Griechenland mit den Ländern des Nahen Ostens und Nordafrikas vergleichbar ist. Im Vortrag wird sowohl auf jüngste Ereignisse fokussiert, die den Mainstream-Charakter des griechischen Antisemitismus aufweisen, als auch auf die These des „Holocausts der Griechen“, die vornehmlich von der Querfront Syriza-Unabhängige Griechen getragen wird. Das widersprüchliche Verhältnis der Regierungskoalition zu Israel wird ebenso analysiert.

Dimitri Kravvaris dokumentiert regelmäßig antisemitische Vorfälle in Griechenland auf dem Blog Against Antisemitism. Er ist auch Mitglied des Projektes Watch: Antisemitism in Europe.

Die Wiedergutwerdung der Deutschen

Lesung und Filmvorführung
29. Januar | 20 Uhr | Cineding (Karl-Heine-Straße 83)

Die Wiedergutwerdung der Deutschen. Essays und Polemiken von Eike Geisel

Lesung mit dem Herausgeber Klaus Bittermann

»Some of my best friends are German«, machte sich Eike Geisel (1945-1997) gerne über das antisemitische Stereotyp lustig, demzufolge einige Juden zu den besten Freunden zählen. Geisel war aber nicht nur ein unnachgiebiger Kritiker des deutsch-jüdischen Verbrüderungskitsches und des Recyclings deutscher Vergangenheit, sondern machte als Historiker mit seinen Arbeiten u. a. über den jüdischen Kulturbund und das Berliner Scheunenviertel auf sich aufmerksam. Der 2015 erschienene Band »Die Wiedergutwerdung der Deutschen« versammelt seine großen essayistischen Arbeiten, beispielsweise über den Antisemitismus des »anderen Deutschland« und den Mythos vom Widerstand des 20. Juli. Klaus Bittermann referiert Eike Geisels wichtigste Thesen und ihren Entstehungszusammenhang. Eike Geisel war Soziologe, Buchautor, Journalist, Übersetzer, Kurator, Filmemacher und Historiker. Seine Essays und Polemiken lösten teilweise große Kontroversen aus. Er starb am 6. August 1997.

Klaus Bittermann ist Verleger der Edition Tiamat, in der die politischen Essays von Eike Geisel erschienen sind. Er ist außerdem Buchautor, Journalist und schreibt für die tageszeitung und Tagesspiegel.

Triumph des guten Willens (Dokumentarfilm, 2016, 97 Minuten)

Film und Gespräch mit dem Regisseur Mikko Linnemann

Der vorerst letzte Teil der Filmreihe »Wie erinnern?« setzt sich mit den Texten des Publizisten Eike Geisel auseinander. Im Zentrum stehen Geisels Kritiken an der deutschen Erinnerungspolitik und seine These über die »Wiedergutwerdung der Deutschen«. Geisels Texte aus den 1990er Jahren unter anderem über die Neue Wache und das Holocaust-Mahnmal kontrastieren die heutigen Bilder der beschriebenen Gedenkstätten. Sie zeigen eine Normalität, die es eigentlich nicht geben dürfte. Zudem analysieren ausführliche Interviews mit Alex Feuerherdt, Klaus Bittermann, Hermann L. Gremliza und Henryk M. Broder Geisels Thesen in Hinblick auf die gesellschaftlichen Verhältnisse heute. Von der politischen Biografie Eike Geisels ausgehend, zeichnet »Triumph des guten Willens« ein Bild linker Debatten der letzten Jahrzehnte und fragt schließlich nach der Möglichkeit von Kritik in unmöglichen Zeiten.

Die Veranstaltung ist eine Kooperation zwischen der Buchhandlung drift, dem Arbeitskreis Gesellschaftskritik und dem Bündnis gegen Antisemitismus und Antizionismus Leipzig.